Literatur: Ein Taxiblues

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Literatur: Ein Taxiblues

Beitragvon hermann » 05.02.2013, 00:27

Ein Taxiblues


Schröder, der sich selbst als fröhlichen Melancholiker sieht, treibt die Sehnsucht um. Die Sehnsucht nach dem ultimativem Telefonanruf, der ihn seiner Obsession - dem ultimativen Flirt - als dem Gipfel seines Daseins auf Haaresbreite nahe bringt. Oder geht es am Ende doch wieder nur um das Eine, alles Bestimmende?
Darüber lässt der Autor den Leser lange im Ungewissen, führt ihn dafür auf dem Weg zur Auflösung durch die Niederungen menschlicher Abgründe, so möchte man beinahe sagen, einer Lübecker Taxizentrale. Denn Schröder sitzt am Funk einer Taxivermittlung, was diesen Roman erfreulich abhebt von den vielen Taxibüchern, die wir alle schon gelesen haben.
Der Leser erhält einen Einblick in die Strukturiertheit vieler "Taxifürsten", an denen es scheinbar in keiner Taxizentrale einen Weg vorbei gibt, scheinbar...

Der Autor, Andreas Richter, beschreibt seinen Protagonisten nicht ganz ohne autobiographische Züge. Richter, seit 23 Jahren "Dispatcher" in einer Lübecker Taxizentrale, mithin beinahe Urgestein der Lübecker Taxifunker, ist studierter Theologe, Bücherwurm und sportlich ambitionierter Schachspieler, was man dem Buch auch anmerkt.
Die Arbeitsrechtler unter den Forumsusern dürfte interessieren und bei der Lektüre auch amüsieren, dass Richter hier in süffisanter Art das Thema Betriebsratsarbeit in Taxizentralen aufgreift, was nicht von ungefähr kommt.

Lübecker Gewerbeinsider werden hinter der ein oder anderen Figur einen realen Gegenpart wähnen, was natürlich reiner Zufall wäre und sich den ein oder anderen Schmunzler nicht verkneifen können.

Aussenstehende lesen Taxi mal anders, eben nicht aus dem Taxi heraus, sondern durch das Funkgerät des Zentralenmitarbeiters, wenn da am Ende nicht doch wieder alles anders käme.




Schröders Arbeitsplatz befand sich im
Obergeschoss eines zweistöckigen Gebäudes
in der Nähe des städtischen Bahnhofes.
Wenn man aus dem Fenster sah, schaute man
auf eine Überdachung, unter der sich vor Jahren
eine Zapfsäule für Diesel befunden hatte.
Die Zapfsäule war längst verschwunden,
der stets rauchende Tankwart – warum auch nicht,
Diesel brennt ja nicht – inzwischen zur Legende geworden.
Das Dach stand immer noch und diente hauptsächlich
zwei Zwecken: erstens, ein paar Parkplätzen Schutz vor
Regen zu bieten, und zweitens einen metallischen
Klang abzugeben, wenn ein von Schröder oder Karla
abgeschossener Sektkorken auf ihm niederging.
Als Schröder vor zwölf Jahren hier anfing, hatte man
außerdem auch einen Gutteil der Stadtsilhouette sehen können.
Eines Tages jedoch hatte man vor diese Silhouette
Kräne gestellt, und an diesen Kränen wuchs ein Haus empor,
ein einziges, riesiges Gebäude, runde hundert Meter entfernt,
das langsam, aber stetig die Stadt verschwinden ließ
– als wäre sie untergegangen in einem gefluteten Stausee,
hatten zuletzt noch die Kirchturmspitzen hervorgelugt.




Erschienen ist das Buch im Verlag auf der Warft ISBN 978-3-939211-47-1


Ich war mal so frei und habe das Thema von einem Kollegen übernommen, hoffe ja jetzt verstoße ich nicht gegen Copyrigth-Vorschriften

aber der Taxiblues, aus Sicht eines Funkers geschrieben, ist vielleicht auch bundesweit interessant
Der Profi ist nie so von seiner Arbeit überzeugt wie der Amateur.
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