jr hat geschrieben:Man könnte auch sagen: In gleicher Zeit mehr arbeiten. (...) Der Abbau von Überkapazitäten ist im übrigen keine zwingende Folge des Digitallohns sondern eher der behördlichen Bemühungen im Rahmen des Hamburger Modells.
Auch bei IK und anderen findet man Argumente gegen die These des höheren Bruttolohns durch den gesetzlichen Mindestlohns (ML).
Zum einen forciert die durch den gesetzlichen Mindestlohn endgültig eingeführte Zeitbezahlung auch im städtischen Taxigewerbe den Abbau von Überkapazitäten. Plötzlich zahlt nicht mehr der angestellte Taxifahrer mit kostenlosem Arbeitseinsatz für die Wartezeiten auf den nächsten Fahrgast, sondern der Taxiunternehmer mit richtigem Geld (wie in jeder anderen Branche auch). Und plötzlich werden die Fahrzeuge, die durch den beschriebenen Ausbeutungs-Mechanismus ("vom angestellten Taxifahrer quersubventionierte Touren") noch für den MWU lukrativ waren, defizitär. Das wird unweigerlich zu einem kräftigen Abbau der Überkapazitäten führen - dort, wo Schlupflöcher z.B. durch kriminell fehlerhafte Schichtaufzeichnungen, aktiv bekämpft werden schneller, anderswo langsamer.
Die dann weniger gewordenen Taxis teilen sich einen Tourenmarkt in vergleichbarer Höhe zu vorher. Heißt: Die Auslastung wird höher - pro Taxi allgemein und auch pro Stunde. Kommt dazu noch der Effekt, dass der Abbau von Arbeitszeit (keine 60-Stunden-Wochenarbeitszeit mehr) ebenfalls zu einem Abbau von Überkapazitäten auf Straße und am Taxiposten führt.
Wem letzteres nicht einleuchtet, möge sich erinnern, wie es zu den langen Schichtzeiten kam: Kollegen kamen mit dem eingefahrenen Geld nicht mehr aus. Also hängten sie eine Stunde hinten dran und hatten effektiv mehr Geld am Monatsende eingefahren. Bis die anderen Kollegen gleichzogen. Dann hängten einige eine weitere Stunde dran mit gleichem Effekt: Erst hatten diese Lang-Fahrer mehr Geld, dann zogen die anderen nach. Der Touren-Kuchen wird weder (nennenswert) größer, wenn mehr Taxis gleichzeitig auf der Straße sind. Umgekehrt geht das Beispiel auch: Würden alle Kollegen eine Stunde weniger fahren, hätten alle Kollegen in der Schicht das gleiche im Geldsäckel gegenüber ihrer eigenen früheren längeren Schichten.
Weil sich die Auslastung und damit der Stundenumsatz erhöht.
Nun haben wir, mit ML und kommend flächigem Fiskaltaxameter, Mechanismen und Kontrollen, die kürzeren, legalen Schichtzeiten auch mehr und mehr durchzusetzen. Gemeinsam mit dem gesetzlichen Zwang zur Zeitentlohnung führt das zu einem Absenken der Präsenz von Taxis auf den Straßen und an den Taxiposten. Im Ergebnis steigt sowohl der Brutto-Stundenlohn als auch der Brutto-Monatslohn.
Als Einwand lasse ich nur noch gelten, dass durch kriminelle Taxiunternehmer diese Entwicklungen gestört werden könnte. Die Konsequenz sollte aber für ehrliche Taxiunternehmer nicht (noch einmal) sein, sich den Kriminellen in unserer Branche anzupassen (damit nicht der Ehrliche der Dumme sei), sondern konsequent gegen jede Form der Umgehung von ML und Arbeitszeitgesetz anzukämpfen. Davon hätten zumindest die weiterhin selbstfahrenden MWUs etwas ganz persönlich: Mehr Zeit für die Familie und weniger Zeit im Taxi bei gleichen Schichteinnahmen - wenn wir gemeinsam die Kriminellen aus unserem Gewerbe drängen.