Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Löhne, Arbeitsbedingungen, Recht.

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon IK » 03.07.2014, 03:28

@ Guter Kollege

Was Lebensqualität?
Hast du keine?
Zuletzt geändert von IK am 03.07.2014, 03:58, insgesamt 1-mal geändert.
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Yes » 03.07.2014, 06:51

IK hat geschrieben:@ Yes

EntwrfMLG, Seite 42 hat geschrieben:Zu § 3 (Unabdingbarkeit des Mindestlohns)
Der Mindestlohn darf nicht durch missbräuchliche Konstruktionen umgangen werden. § 3 sichert den Anspruch der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf den Mindestlohn. Au- ßer in den Übergangsfällen des § 24 kann von der Verpflichtung zur Zahlung des Mindest- lohnes nach § 1 nicht abgewichen werden, soweit dies für die Arbeitnehmerin oder den Arbeitnehmer ungünstiger wäre. Die Vorschrift des Satzes 1 bestimmt deshalb, dass Ver- einbarungen, die den Anspruch auf Mindestlohn unterschreiten oder seine Geltendma- chung beschränken oder ausschließen, insoweit unwirksam sind. ... Zulässig ist ein Verzicht im Wege des gerichtlichen Vergleichs, weil dieser einen ausreichenden Schutz der Arbeitnehmerin und des Arbeitnehmers vor einem ungerechtfertigten Verlust des Mindestlohnanspruchs si- cherstellt. ...


Darf ich das so deuten:
Ich kündige meine Grapenfahrer, weil ich 8,50 € nicht zahlen kann und das Gesetz mir die geringere Bezahlung der Arbeitsbereitschaft nicht erlaubt. Meinem Fahrer erkläre ich, dass ich ihn weiterhin beschäftigen könnte, wenn ich Bereitschaft mit 5,50 € bezahlen dürfte. Mein Mitarbeiter, da er nicht gekündigt werden möchte, verklagt mich und vorm Gericht erklärt, dass er bereit ist für 5,50 € Arbeitsbereitschaft zu machen. Gericht erlaubt es und ML ist unterwandert.

Oder bedeutet der Text aus der Drucksache was ganz anderes?

Die bisherige Fassung des § 3 Satz 2 MiLoG ist unglücklich formuliert, denn man könnte sie tatsächlich so verstehen, dass sie einen Verzicht auf den gesetzlichen Mindestlohn auch für die Zukunft und damit eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses bei Unterschreitung des Mindestlohns ermöglichen würde.

Um diesem Missverständnis vorzubeugen, hat der Bundesrat in seiner Stellungnahme bereits angeregt, im Gesetzesentwurf die Wörter "den Anspruch" durch die Wörter "bereits entstandene Ansprüche" zu ersetzen. Dadurch werde klargestellt, dass sich dieser Verzicht nur auf bereits entstandene Lohnansprüche beziehen kann. Eine Aushöhlung des Gesetzeszwecks werde so vermieden, denn, dass das Arbeitsverhältnis auch zukünftig unter Verletzung der Mindestlohnuntergrenze fortzuführen sei, könne nicht gewollt sein (BT-Drucksache 18/1558, S. 76).

Welche Formulierung in das Gesetz eingeht, das heute vom Bundestag verabschiedet werden soll, muss sich erst noch zeigen.

Allerdings wird man, selbst wenn die endgültige Gesetzesfassung diesen Punkt später nicht ausdrücklich klarstellen sollte, die Vorschrift mit Blick auf den Gesetzeszweck und die Entstehungsgeschichte ohnehin so auslegen müssen, dass sich der Verzicht nur auf bereits entstandene Lohnansprüche beziehen kann. Es sei denn, der Gesetzgeber bringt noch weitere Anhaltspunkte dafür zum Ausdruck, dass er den Verzicht auf künftige Mindestlohnansprüche bei einem gerichtlichen Vergleich ermöglichen will.

Der Fahrer kann danach voraussichtlich nur bei einem gerichtlichen Vergleich auf den Mindestlohn für vergangene Zeiträume verzichten und keine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses mit einem geringeren als dem Mindestlohn vereinbaren.
Yes
Vielschreiber
 
Beiträge: 330
Registriert: 05.08.2005
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon IK » 03.07.2014, 09:02

@ yes

Danke für deine Klarstellung. Wenn selbst der Bundesrat den Text wie ich gedeutet hat, sagt mir, dass meine Interpretation nicht so abwegig war :idea: 8)

Es lebe die Suche nach den Schlupflöchern. Ich gehe davon aus, dass schon im Februar die ersten Klagen beim Arbeitsgericht vorliegen werden. Just for fun.
Zuletzt geändert von IK am 03.07.2014, 09:05, insgesamt 1-mal geändert.
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Guter_Kollege » 03.07.2014, 11:15

IK hat geschrieben:Just for fun.
Du hast echt nicht mehr alle Zweige am Ast.
Guter_Kollege
Vielschreiber
 
Beiträge: 4352
Registriert: 28.11.2013

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Yes » 03.07.2014, 11:34

IK hat geschrieben:Danke für deine Klarstellung. Wenn selbst der Bundesrat den Text wie ich gedeutet hat, sagt mir, dass meine Interpretation nicht so abwegig war :idea: 8)

Das war sie ganz bestimmt nicht! Du klapperst den MiLoG-Entwurf anscheinend systematisch nach Gesetzeslücken ab. Ich sehe im Moment nur Möglichkeiten außerhalb des Arbeitsverhältnisses: entweder man arbeitet mit freien Mitarbeitern oder man lässt sich vom Fahrer mit Geldgeschenken quasi subventionieren. Beides wäre mit Risiken behaftet und letzteres irgendwie auch peinlich.

Ich wollte nochmal ergänzen:

Die Bundesregierung hatte den Änderungsvorschlag des Bundesrates schon aufgenommen und schlägt heute ihrerseits vor, den Verzicht auf den Mindestlohn ausdrücklich nur für bereits entstandene Ansprüche zu ermöglichen.

In der Gegenäußerung der Bundesregierung zur Stellungnahme des Bundesrates heißt es auf Seite 86 der zitierten BT-Drucksache insoweit:

    Die Bundesregierung schlägt vor, aus Gründen der Klarstellung die Anregung des Bun-
    desrats aufzunehmen. Der Verzicht auf den Mindestlohn soll nur für bereits entstandene
    Ansprüche möglich sein und durch gerichtlichen Vergleich erfolgen müssen. Die Bundes-
    regierung empfiehlt eine entsprechende Anpassung der gleichlaufenden Regelung in § 9
    Satz 1 des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes. Die Anpassung vollzieht insoweit die Rege-
    lung des § 4 Absatz 4 Satz 1 des Tarifvertragsgesetzes nach, wonach in einem von den
    Tarifvertragsparteien gebilligten Vergleich nur auf „entstandene tarifliche Rechte“ verzich-
    tet werden kann.


Damit wird diese Lücke sicherlich verschlossen bleiben.
Yes
Vielschreiber
 
Beiträge: 330
Registriert: 05.08.2005
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Guter_Kollege » 03.07.2014, 12:39

Wer sich die Rede im Bundestag zur Einführung des Mindestlohngesetzes von Frau Andrea Nahles anhören möchte,
kann dies hier tun: http://www.bundestag.de/mediathek/?isLi ... ask=search
Guter_Kollege
Vielschreiber
 
Beiträge: 4352
Registriert: 28.11.2013

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon IK » 03.07.2014, 13:04

@ Yes

Damit wird diese Lücke sicherlich verschlossen bleiben.

Was sehr sehr schade ist.

... oder man lässt sich vom Fahrer mit Geldgeschenken quasi subventionieren.

Peinlich nur für den Gesetzgeber, nicht für den AG und AN. Diese Subventionierung durch den AN habe ich schon öfters explizit angekündigt. Guckst du HIER und HIER.

Die AN, welchen die Arbeitslosigkeit droht, mit der Folge von 382 € Leben zu müssen, werden ihre Trinkgelder für ihren Job verpfänden. Oder es wird einer Lohnerstattung an den AG in den dunklen Hinterzimmern Bar auf die Kralle geben. Wer seine Interessen von der SPD und Gewerkschaft vertreten glaubt, der kann einem nur Leid tun.
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Guter_Kollege » 03.07.2014, 14:08

Bislang hast Du vom Zeitpunkt Deiner Einwanderung an recht prächtig gelebt in Deutschland (und von der Arbeit deiner Fahrer).
Auch unter SPD Regierung. Wie wärs denn damit zu helfen Dein Heimatland wieder aufzubauen? Die brauchen dringend Leute wie Dich.
Weist ja anscheinend wie es geht.
Guter_Kollege
Vielschreiber
 
Beiträge: 4352
Registriert: 28.11.2013

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Yes » 03.07.2014, 14:20

IK hat geschrieben: Damit wird diese Lücke sicherlich verschlossen bleiben.


Was sehr sehr schade ist.

Wie hätte ein Fahrer wohl reagiert, wenn sein künftiger Unternehmer ihm vorab eröffnet: "Du musst mich bitte erstmal beim Arbeitsgericht verklagen, damit wir uns dort einigen können und ich Dir keinen Mindestlohn zahlen muss."

Wenn das den Fahrer nicht abgeschreckt hätte, wüsste dieser wenigstens auch schon mal, wie leicht es ist, seinen Arbeitgeber zu verklagen. Ich würde meine Arbeitnehmer nicht zum Arbeitsgericht führen und ihnen zeigen, wie man mich verklagt. Mal ganz abgesehen davon, dass man beim Arbeitsgericht irgendwann auch mal einen gewissen Ruf weghätte, wenn man die Arbeitsrichter alle paar Monate quasi nur zur Beurkundung prekärer Arbeitsverhältnisse missbraucht.

IK hat geschrieben:Peinlich nur für den Gesetzgeber, nicht für den AG und AN. Diese Subventionierung durch den AN habe ich schon öfters explizit angekündigt. Guckst du HIER und HIER.

Tatsächlich, das hast Du geschrieben. Die Subventionierung bliebe aber immer freiwillig, so dass der Unternehmer vom Wohlwollen jedes einzelnen Fahrers abhängig würde. Ich bezweifle auch, dass das langfristig ein Fahrer mitmacht. Abgesehen vom Arbeitsplatzerhalt erhielte er keine Gegenleistung und soll jeden Monat artig zahlen. Wenn er nicht von selbst drauf kommt, werden irgendwann seine Angehörigen oder womöglich seine Gläubiger darauf hinwirken, dass er sich eine neue Beschäftigung sucht oder wenigstens Hartz IV bezieht.

IK hat geschrieben:Die AN, welchen die Arbeitslosigkeit droht, mit der Folge von 382 € Leben zu müssen, werden ihre Trinkgelder für ihren Job verpfänden. Oder es wird einer Lohnerstattung an den AG in den dunklen Hinterzimmern Bar auf die Kralle geben. Wer seine Interessen von der SPD und Gewerkschaft vertreten glaubt, der kann einem nur Leid tun.

Der Hartz IV-Anspruch beschränkt sich nicht auf die genannten 382,- €, sondern umfasst wesentlich mehr Leistungen. Einige Fahrer stocken heute schon auf (ohne zwangsläufig zu betrügen). Das BMAS geht davon aus, dass ein alleinstehender Vollzeitarbeitnehmer, der den Mindestlohn erhält, auch künftig noch "aufstocken" muss und kann. Darüber hinaus hätten erwerbslose Fahrer natürlich erstmal auch einen Anspruch auf das ALG I.

Warum und für welche Forderung sollte der Fahrer dem Unternehmer sein Trinkgeld "verpfänden"? Er kann es ihm schenken. Eine solche Schenkung dürfte erst gültig sein, wenn der Fahrer die versprochene Zahlung auch tatsächlich geleistet hat (§ 518 Abs. 2 BGB). Alles andere wird eine Umgehung des Mindestlohns darstellen und nach § 3 MiLoG unwirksam sein.
Yes
Vielschreiber
 
Beiträge: 330
Registriert: 05.08.2005
Wohnort: Hamburg

Beitragvon Otto126 » 03.07.2014, 14:21

Sollte mir mein Chef mit solchen unsittlichen Angeboten kommen, hätte ich keine Hemmungen, ihn (mit Bild) in sämtlichen sozialen Netzwerken zu outen.

Versuch mal jemanden zu verklagen, der dann von 382 € lebt...
"In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche"

"Mir gefällt Ihr Benehmen nicht."
"Macht nichts. Ich verkauf's ja nicht."

Wat woll'n die Atzen eigentlich von mir?
Benutzeravatar
Otto126
Vielschreiber
 
Beiträge: 7691
Registriert: 20.03.2005
Wohnort: Oldenburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon IK » 03.07.2014, 16:01

@ Yes

Es geht bei dem ML und beim Verhältnis zwischen AG dem AN nicht darum, was unsere persönliche Meinung darüber ist, sondern was später zur Realität wird. Es wird nicht der AG derjenige sein, welcher den Fahrer zu solchen Maßnahmen zwingt, sonder es wird der AN sein, der um so was bittet.

Dein optimistische Meinung zu ALG 1 Und ALG 2 erschließt sich mir nicht. Ein Fahrer, welcher heute 7 € pro Stunde verdient, 208 Stunden arbeitet, hat ein Bruttolohn von 1.456 €. Sein Nettolohn ist 1067. schon damit übersteigt er den Hartz 4 Satz um 250 €. Wenn er arbeitet, fällt ihm die Decke zuhause nicht auf den Kopf. Er hat soziale Kontakte, welche bei Arbeitslosen sich drastisch reduzieren.

Sein Trinkgeld erhöht sein Nettoeinkommen um weitere 320 €. Damit liegt er 570 € über den H4 Satz (inclusive Wohnung). Wie du auf die Idee kommst, er hätte mit H4 genauso viel in der Tasche oder mehr, erschließt sich mir nicht. Kannst du mir das vorrechnen? Ich möchte es wirklich wissen.
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re:

Beitragvon IK » 03.07.2014, 16:07

@ Otto
Otto126 hat geschrieben:Sollte mir mein Chef mit solchen unsittlichen Angeboten kommen, hätte ich keine Hemmungen, ihn (mit Bild) in sämtlichen sozialen Netzwerken zu outen.

Versuch mal jemanden zu verklagen, der dann von 382 € lebt...

Was du tun würdest, wenn du bla bla ... ist ohne Belang. Es geht darum, was die Fahrer tun werden, welchen die Arbeitslosigkeit droht. Geh bitte nicht immer von dir aus. Deine Heldentaten sind bekannt und werden sogar gerne am Lagerfeuer der Pfadfinder immer wieder an die nachkommenden Generationen durch stundenlanges Erzählen weitergegeben. 8) :wink: Du kannst, aber du musst nicht immer wieder damit prahlen.
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon IK » 03.07.2014, 16:10

@ Guter Kollege

Was Deutschland?
Bist du Deutschland?
"Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben!"
Hans-Werner Sinn
Benutzeravatar
IK
Vielschreiber
 
Beiträge: 3148
Registriert: 30.10.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon SindSieFrei? » 03.07.2014, 16:38

KEINE Diskussionen in die Richtung bitte, GK! Es gibt Sachargumente genug. Auch, wenn wir als AN uns manchmal fetzen mit IK, er ist ein Kollege und seine Sicht ist ebenso ein Teil des Meinungsbildungsprozesses wie Deine. Und jedwede Herkunftsdiskussion ist vollkommen egal dabei!!! Sie vergiftet die Atmossphäre nur unnötig.

LG
Dura lex, sed lex.
Benutzeravatar
SindSieFrei?
Vielschreiber
 
Beiträge: 4369
Registriert: 12.12.2009
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Yes » 03.07.2014, 23:02

IK hat geschrieben:Dein optimistische Meinung zu ALG 1 Und ALG 2 erschließt sich mir nicht. Ein Fahrer, welcher heute 7 € pro Stunde verdient, 208 Stunden arbeitet, hat ein Bruttolohn von 1.456 €. Sein Nettolohn ist 1067. schon damit übersteigt er den Hartz 4 Satz um 250 €. Wenn er arbeitet, fällt ihm die Decke zuhause nicht auf den Kopf. Er hat soziale Kontakte, welche bei Arbeitslosen sich drastisch reduzieren.

Nach der Rechnung könnte er praktisch auch einen 1,- €-Job machen. 250,- € in 208 Stunden entspricht einem Mehrverdient von 1,20 € pro Stunde plus Trinkgeld. Da wäre es doch sinnvoller für ihn, wenn er die Zuverdienstmöglichkeiten (§§ 11-11b SGB II) ausnutzt, statt für das gleiche Geld einen Arbeitsumfang von 48 Stunden in der Woche ableisten zu müssen.

IK hat geschrieben:Sein Trinkgeld erhöht sein Nettoeinkommen um weitere 320 €. Damit liegt er 570 € über den H4 Satz (inclusive Wohnung). Wie du auf die Idee kommst, er hätte mit H4 genauso viel in der Tasche oder mehr, erschließt sich mir nicht.

Ich hatte geschrieben, dass der Fahrer aufstocken könne bzw. müsse. Dabei habe ich einfach eine Stellungnahme des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales vom 24. Juni nachgeplappert, in der es hierzu heißt:

    Die Frage, ab welchem Bruttostundenlohn ein Alleinlebender in Vollzeitbeschäftigung nicht mehr bedürftig gemäß SGB II ist (Schwellenlohn), lässt sich nicht pauschal beantworten, da der Schwellenlohn insbesondere von den individuellen Kosten der Unterkunft abhängt, die räumlich stark variieren. Darüber hinaus hängt der Schwellenlohn von der individuellen Wochenarbeitszeit eines Vollzeitbeschäftigten ab, die je nach Branche und Tarifvertrag variiert.

    Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von derzeit ca. 38 Stunden pro Woche und einem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde sind Alleinstehende aktuell bedürftig im Sinne des SGB II, sofern ihre Kosten der Unterkunft (KdU) rund 353 Euro monatlich übersteigen. 7 In Regionen mit hohem Mietniveau wird dieser Wert derzeit bereits teilweise übertroffen. Beispielsweise betrugen im Juli 2013 die durchschnittlichen KdU eines Alleinstehenden in München 467 Euro monatlich. Bundesweit hatten zum selben Zeitpunkt ca. 40 Prozent aller alleinstehenden Empfänger von Arbeitslosengeld II KdU von mehr als 353 Euro monatlich, so dass ein Mindestlohn von 8,50 Euro für diese Haushalte bereits aktuell nicht bedarfsdeckend ist.
    Stellungnahme des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales vom 24. Juni, Seite 26

IK hat geschrieben:Kannst du mir das vorrechnen? Ich möchte es wirklich wissen.

Die Berechnung hängt sehr stark vom Einzelfall ab und kann z. B. für die Zuverdientsmöglichkeiten nach den §§ 11-11b SGB II berechnet werden.

Nehmen wir mal Dein Beispiel mit den 1.067,- € netto + 320,- € Tipp = 1.387,- € gesamt. Soviel erhält der Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber und den Fahrgästen zusammen.

Von diesem Einkommen sind die Mehraufwendungen abzuziehen, die dem Fahrer alleine durch seine Tätigkeit entstehen. Denn, wenn er nicht zur Arbeit ginge, würde er diese Kosten sparen:

    Fahrtkosten für den Arbeitsweg: 156,- €
    in Deinem Beispiel müsste der Fahrer den Arbeitsweg 52 mal im Monat zurücklegen, das ergäbe bei Kosten von 3,- € pro Strecke monatl. Mehrkosten von 156,- €

    (tatsächlicher) Mehrverpflegungsaufwand: 260,- €
    angenommen der Fahrer wendet für die Verpflegung (Kaffee, Schokoriegel, Mittagessen usw.) nur 10,- € pro Schicht mehr als zuhause auf, entständen ihm hierfür in Deinem Beispiel weitere Mehrkosten für 26 Schichten x 10,- €

    evtl. Fahrerbeitrag für Funk oder MT: 20,- €

    P-Schein-Verlängerung: 3,- €

    Natürlich kann der Fahrer diese Aufwendungen einerseits noch vermindern, indem er z. B. mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit kommt und sein Essen und Trinken selbst mitbringt. Anderseits sind in dieser Berechnung aber auch evtl. Mehrkosten fürs Handy, den schnelleren Verschleiss der Kleidung oder Dinge wie das Hansa-Werbeentgelt noch gar nicht berücksichtigt, obwohl sie bei dem ein oder anderen ganz sicher ebenso anfallen. Überzogen ist diese Berechnung der Mehraufwendungen jedenfalls nicht.

Dem Fahrer verblieben danach einschließlich des Trinkgeldes für seine eigenen Belange 948,- € (1.387,- € abzgl. der Mehraufwendungen für die Arbeit von 439,- €). Hierfür müsste er in Deinem Beispiel 48 Stunden in der Woche bzw. 208 Stunden im Monat arbeiten.

Demgegenüber würde er als Hartz IV-Empfänger ohne weiteres 850,- € im Monat (knapp 400,- € für die Lebenshaltung und z. B. gut 450,- € für die Miete usw.) erhalten. Dafür müsste er nicht arbeiten.

Der tatsächliche Mehrverdienst des Fahrers, der sich in Deinem Beispiel für einen Arbeitsumfang von 48 Stunden pro Woche im Vergleich mit seinem Einkommen als Hartz IV-Empfänger ergäbe, beliefe sich einschließlich des Trinkgeldes(!) auf 98,- €.

Verdient sich der Fahrer als Hartz IV-Empfänger noch 100,- € im Monat hinzu oder hat er einen nach oben abweichenden Bedarf in dieser Höhe, erhält er als Hartz IV-Empfänger bereits 2,- € mehr im Monat als der vollzeitbeschäftigte Fahrer mit einer 6-Tage-Woche in Deinem Beispiel einschließlich des Trinkgeldes verdient. Verdient sich der Fahrer als Hartz IV-Empfänger mehr als 100,- € im Monat hinzu, hat er als solcher bis zur Ausschöpfung der Zuverdientsgrenzen dementsprechend mehr.

Ich wage zu bezweifeln, dass sich unter diesen Bedingungen die meisten Fahrer nicht doch lieber die Decke auf den Kopf fallen lassen anstatt 208 Stunden im Monat zu arbeiten und am Ende einschließlich des ohnehin unsicheren Trinkeldes auch noch weniger zu verdienen.

Ganz zu schweigen von den Fahrern, die nicht -wie Dein Beispielfahrer- sechs Tage, sondern "nur" fünf oder weniger Tage in der Woche arbeiten. Sie würden in Deinem Beispiel von vornherein als Fahrer weniger verdienen als sie als Hartz IV-Empfänger erhielten.

Darüber hinaus glaube ich auch nicht, dass ein Fahrer, der noch halbwegs bei Sinnen ist, Dich angesichts des Mindestlohns im nächsten Jahr noch darum bitten wird, für bloß 7,- € bei Dir arbeiten zu dürfen.
Zuletzt geändert von Yes am 03.07.2014, 23:27, insgesamt 3-mal geändert.
Yes
Vielschreiber
 
Beiträge: 330
Registriert: 05.08.2005
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon eichi » 04.07.2014, 00:16

Es bleibt auch zu bedenken, dass eine priv. KV ja bei über 55-jährigen
nicht mehr verlassen werden kann. Wer in früheren besseren Zeiten (Angest.)
oder als Selbstständiger diesen Schritt gegangen ist, wird mit dauerhaft hohen
KV-Kosten leben müssen. Die Lohn-Zuschüsse hierfür sind nicht annähernd vergleichbar
mit den 50% zur GKV!
Es ist so bequem, unmündig zu sein. (Immanuel Kant)
eichi
Vielschreiber
 
Beiträge: 3620
Registriert: 16.06.2009
Wohnort: Hamburg Nord

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon FD » 04.07.2014, 02:04

@yes

Mir ist schon in der Vergangenheit aufgefallen, daß Du von den tatsächlichen Verhältnissen bei H4 KEINE Ahnung hast.

Und nebenbei vom Leben ook nicht!

Also, nun tu ich Dir mal vorrechnen, wie die Sache reell läuft! Ist er solo, liegt er ÜBER dem H4 Satz, aber nur knapp oder je nach Wohnung gleichauf. Dann hat er jedoch Anspruch auf Wohngeld und schon sieht das Leben wieder besser aus.

Da ist zunächst einmal der Selbstbehalt. Die ersten 100 Euro werden nicht berechnet, die nächsten 300 nur zu 80 %, die nächsten 400 nur zu 90 % und danach werden 95 % angerechnet. Damit auch DU es verstehst: Von den ersten 800 Euro werden also 200 Euro nicht angerechnet und von jedem Euro darüber werden 5 Cent nicht berechnet.

1067 - 213,35 = 853,65 anrechenbares Einkommen= KEIN H4! Also 1067 Euro zzgl. 320 TG + 330 Euro Wohngeld (Guckst Du Wohngeldrechner selber!) = 1717 Euro zum Leben und genießen! Oder 867 Euro mehr als ohne Arbeit, dafür H4. Übrigens, wenn er entlassen wird wegen des ML bekommt er so wenig ALG I, daß er bei der Arge aufstocken muß. Und das ALG I wird 1:1 mit dem h4-Anspruch verrechnet. Nix mit Selbstbehalt.

Ist er vernünftiger Weise verheiratet und sorgt für den Arterhalt, sieht die Sache schon mal ganz anders aus: Das Nettogehalt ist dann etwa 100 Euro höher, weil er bei dem Brutto nun wirklich keine Einkommenssteuer zahlt.

1167 - 218,35 = 948,65 + 368 Euro Kindergeld = 1316,65 Euro

H4 Anspruch für den guten Mann mit Familie ca. 1860 Euro. Er bekommt also monatlich schwankend so um die 543,35 Euro noch von der Arge dazu. Sein Plus gegenüber dem normalen H4 sind die 218,35 plus die ca. 320 Euro Trinkgeld. Immerhin fast 540 Euro! Insgesamt 2400 EURO!! Und das jeden Monat! Für einen H4 Empfänger ist das sehr viel Geld.

Nun hast Du in deiner weiteren Argumentation gleich mehrere Logikbrüche fabriziert. Bei Dir fallen z.B. für den von Dir vorgeschlagenen 1-Euro-Job KEINE Fahrtkosten an. Das ist leider völlig falsch. Unsere Herren in Rot befanden, daß er die Fahrkosten bis zur Höhe des Entgeldes für die Tätigkeit selbst zu tragen hat.

Die von Dir veranlagten Kosten sind außerdem viel zu hoch. Das ABO für den Großbereich kostet derzeit 81,90 Eoro. Als H4-Empfänger bekommt man das Hamburger Sozialticket. Somit zahlt der Fahrer 19 Euro weniger mithin also nur 62,90 Euro. Das darf man aber nur zu einem Viertel anrechnen. Warum? Ganz einfach! Vielleicht braucht er garkeine Fahrkarte, weil er z.B. Fuß oder mit Fahrrad auch zur Arbeit kann! Außerdem kann er das Abo privat nutzen und am Wochenende samt Familie den Gesamtbereich des HVV mit seinem Abo nutzen. Das schließt mal eben Stade, Buxtehude und Lüneburg mit ein. Rechnen wir also mal höchstens 16 Euro an Fahrtkosten.

Ein guter Familienvater gibt sein mühsam verdientes Geld nicht bei Bubu aus! Den Schokoriegel würde er zu hause auch essen, sofern seine Kinder ihn nicht zuerst finden.

Beiträge für Fahrer beim Funk oder mt gibt s in HH nicht! Somit Quatsch. Funkschulungen zahlt genauso wie die Verlängerung des P-Scheins die Arge.

Es bleiben dem Fahrer immer noch 524 Euro mehr, als wenn er nur H4 bekäme!

Und unterlaß bitte den Humbug mit den 1-Euro-Jobs. Ein Langzeitarbeitsloser (nur solche bekommen überhaupt einen solchen Job) bekommt vielleicht alle 3 bis 5 Jahre die Chance einen 1-Euro-Job zu machen. Diese Jobs sind als bequemes Zubrot nämlich nur begrenzt verfügbar und heiß begehrt.

Das Leben. so wie ich es hier in Hamburg kenne, sagt mir, daß JEDER Fahrer ALLES tun wird, um den Job zu behalten. Mit Duldung der Behörden, wird sich nur der Inhalt der Lohnabrechnung ändern! Sonst nix! Wie der Doc dem Nappus schon schrieb: In pflichtgemäßem Ermessen (Opportunitätsprinzip) wird auf die Verhängung von Ordnungsgeldern verzichtet. Und wo kein Kläger, da kein Richter! Welcher Fahrer wäre denn so blöde, seinen Chef anzuzeigen und sich selbst für den Rest des Lebens in die Arbeitslosigkeit zu katapultieren? Diejenigen, die anderes behaupten, haben nur eine große Klappe. Wenn es zum Schwur kommt, wird der Schwanz eingezogen. Bestenfalls EINER wird so doof sein. Sein abschreckendes Schicksal wird die anderen in die typische devote Körperhaltung des Lohnsklaven zwingen. Ich habe Großmäuler schon häufig erlebt. Typische Unruhestifter, die Andere dazu verleiten, Dummheiten zu begehen. Und wenn es dann hart auf hart kommt, sind sie die Ersten, die sich in Sicherheit bringen, soll heißen, die die Klappe halten. Da sind Flughafenschranke und 15%-Regler wirklich die harmlosesten Beispiele.
Sag das noch mal! * Das noch mal. * Nein, das andere! * Nein, das andere. * Nein, das davor! * Nein, das davor.
FD
Vielschreiber
 
Beiträge: 562
Registriert: 08.01.2014
Wohnort: Hamburg

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Thomas-Michael Blinten » 04.07.2014, 04:02

Bei der ganzen Debatte bin ich froh das es tatsächlich Unternehmer gibt die sich nicht nur schon Gedanken zum ML gemacht haben, sondern diese auch schon in Vertragsentwürfe gefasst haben.
Mindestlohn auf Grundlage von 21 Arbeitstagen mit 10 Std. Schichten (abzgl. der Pausen) und ab der wirtschaftlichen Mindestumsatzgrenze (diese erreicht ein durchschnittlicher Fahrer hier vor Ort im Jahresdurchschnitt und in Vollzeit ohne Probleme) eine gestaffelte Umsatzbeteiligung welche die Motivation der Fahrer erhält.
Keine starre Schichteinteilung mehr, sondern eine bunte Mischung aus Vollzeitfahrern im 6/3 und 5/2 Betrieb sowie Fahrern im 3/6 Betrieb (adäquat zur Halbtagsstelle) und Aushilfen.
An den Umsatzschwachen Tagen werden nicht alle Autos auf die Straße geschickt (für die Nachtschicht vor Ort heißt es schon seit einiger Zeit das Sonntagnacht ca. 30% und Montag Nacht 20-25% weniger Autos unterwegs sind) außer es sind größere Veranstaltungen (Messe, Konzerte, Kirmes, Karneval etc.).
Die Umsatzsteigerung bei den verbliebenen Autos ist deutlich spürbar und macht zumindest bei RT den Fahrer wirtschaftlich.

Diskussionen über Bereitschaftszeiten und deren Bezahlung erübrigen sich dabei, wichtig ist das der Umsatz stimmt und das ist mit guten Fahrern und vernünftigen Unternehmern kein Problem.
Vorausschauende Schicht- und Finanzplanung der Unternehmer sowie Motivationsanreize für die Fahrer machen es möglich.
„Alle sind irre, aber wer seinen Wahn zu analysieren versteht wird Philosoph genannt" (Ambrose Bierce)
Benutzeravatar
Thomas-Michael Blinten
Vielschreiber
 
Beiträge: 6540
Registriert: 03.02.2005
Wohnort: Düsseldorf

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon Guter_Kollege » 04.07.2014, 10:41

IK hat geschrieben:@ Guter Kollege

Was Deutschland?
Bist du Deutschland?

Ich ja, Du auch? Das war aber nicht der Punkt.
Sondern Dein Gejammere auf hohem Niveau.
Zuletzt geändert von Guter_Kollege am 04.07.2014, 10:58, insgesamt 1-mal geändert.
Guter_Kollege
Vielschreiber
 
Beiträge: 4352
Registriert: 28.11.2013

Re: Umsatzentlohnung - Theorie und Praxis

Beitragvon nightrider » 04.07.2014, 12:10

Nur mal so gefragt:
Warum machen nicht Einige von euch einfach Bus- oder LKW- oder Kurierfahrer?

Das sollte doch euer „Traumjob” sein, feste Stundensätze, feste Lenkzeiten und ab und zu gibt`s auch Trinkgeld, besser geht`s doch nicht als Fahrer, also warum um alles in der Welt muss es ein Taxi sein?

Dem Bus-LKW-fahrer kann es auch völlig egal sein, ob er jetzt voll, oder leer durch die Gegend kurvt, ob er Umsatz macht, oder nicht er bekommt sein Geld immer, traumhaft, oder?
everybodys darling is everybodys hausdepp (FJS)
Benutzeravatar
nightrider
Vielschreiber
 
Beiträge: 2051
Registriert: 31.01.2008
Wohnort: IN

VorherigeNächste

Zurück zu Arbeitsrecht im Taxigewerbe



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste